Dass ich heute noch lebe, hatte ich damals, vor zehn Jahren, nicht zu hoffen gewagt. Ich wollte das Schicksal nicht herausfordern und maßlos sein, so wünschte ich mir nichts sehnlicher, als das erste Jahr nach der Krebstherapie zu überleben. Jeden Morgen empfinde ich es als eine Gnade, aufwachen   nach Leben, unvorstellbare Ängste und unendliche Traurigkeit, die mich dazu trieben, selbst auch alles zu tun, um mit dieser lebensbedrohlichen Erkran-kung über-haupt leben zu können, ihr Einhalt zu gebieten und die Heilung zu unterstützen. Auf weiter Flur hatte ich damit zunächst ziemlich allein
und den Tag begrüßen zu dürfen, und jeden Morgen mache ich einen inneren Freudentanz, denn ich liebe das Leben. 
Damals – am Ende der Therapie Ich konnte es kaum erwarten, hinauszugehen. Nie mehr wollte ich dieses Gebäude, diese fremde Welt, die mir mit der Zeit viel zu vertraut geworden war, betreten müssen. Mit Jacke, Kappe und Schal und trotzdem fröstelnd saß ich auf meinem Krankenbett. Es war Sommer, kein Wölkchen am Himmel, unendliches Blau. Die Kinder warteten zu Hause schon ungeduldig, wir wollten Urlaub in Holland machen und uns erholen.
Am Fußende lag bereits die vollgepackte, knallrote Tragetasche, mein großes „Klinikreisebündel“. Ich wartete nur noch auf die Kopien meiner letzten Untersuchungsergebnisse und das Abschlussgespräch mit dem Arzt, danach würde ich nach Hause dürfen. Jetzt war der Augenblick da, den ich mir über Monate immer wieder täglich herbeigesehnt, ja regelrecht ausgemalt hatte.
Ein wahrhaftiger Behandlungsmarathon lag
hinter mir.
 Ein Alptraum der Wirklichkeit. Aber ich hatte alles gut überstanden, nein, sogar mit reichlich Lebensqualität gemeistert.
Und doch fühlten sich diese letzten Momente in der Klinik, der erträumte Abschied, nicht so an, wie ich es mir vorgestellt hatte. Endlich war ich am Ende der Therapie angelangt, und doch stimmte irgendetwas gar nicht mit mir. Sechs Monate zuvor hatte ich die nieder-schmetternde Diagnose erhalten: Brustkrebs im fortgeschrittenen Stadium. Von einer Sekunde zur anderen wurde damals meine Welt auf den Kopf gestellt und ich aus meinem jungen Leben als fünfunddreißigjährige Mutter von drei kleinen Kindern herausgerissen.
Es war ganz so, wie John Lennon einst gesagt hat:„Leben ist, was dir wider-fährt, während du andere Pläne schmiedest.“ Danach hatten sich meine Tage und Nächte überwiegend in Kliniken abgespielt, im Griff der hochmoder-nen Medizin: zwei Brustamputationen, Hochdosischemotherapie, Strahlenthera-pie. Über Monate waren beutelweise Chemotherapeutika in meinen Körper ge-flossen, unzählige Tabletten hatte ich vertilgt und über sechs Wochen hinweg jeden Tag hinter verschlossener Stahltür unter gigantischen Apparaten, die mich bestrahlten, liegen müssen. Die Mediziner hatten alles getan, um meinem Krebs beizukommen, dennoch war meine Chance, die Erkrankung zu überleben, sehr gering. Es waren der lauernde Tod an meiner Seite und die Sehnsucht
  Annette Rexrodt von Fircks Ratschläge   gelegen, waren doch alle Menschen um mich herum – auch meine Liebsten – dermaßen über meine schwere Erkrankung geschockt, dass sie mir nicht helfen konnten. Letztendlich habe ich mir Wissen, Hoffnung, Mut, Kraft, Erkenntnis und Weisheit nur durch das Lesen und meine allmählich wachsende Erfahrung aneignen können. In diesen sechs Monaten habe ich stapelweise Bücher von Betroffenen und Ärzten über Krebs, das Abwehr-system und die Selbstheilungskräfte, über Religion und Philosophie regelrecht verschlungen und dabei so viel gelernt wie noch nie zuvor. Die Bücher sind zu meinen treuesten Begleitern und wertvollsten Schätzen in dieser größten Krise meines bisherigen Daseins geworden. Mit ihnen habe ich eigene Strategien für das Leben entwickeln können und bin schließlich stark geworden.
Noch bevor ich viel darüber nachdenken konnte, was mich eigentlich – jetzt gerade, endlich am Ende der Therapie angelangt – bedrückte, stand ich auch schon mit Unterlagen und Gepäck an der Eingangstür der Klinik, um in die Freiheit hinaus zu gehen. Der Stationsarzt hatte mir beim Abschied noch den Rat gegeben, zunächst wieder in mein altes Leben zurückzukehren, es zu leben wie bisher. Nach drei Monaten sollte ich zur Kontrolluntersuchung kommen. Mir war aber ganz plötzlich, als könnte ich den Schritt zurück ins Leben nicht riskieren. Ein großes Wagnis, dachte ich, so weiterzuleben wie vor der Diagnose. Doch das waren immer die Empfehlungen der Onkologen gewesen, wenn ich sie danach gefragt hatte, wie ich denn nach der Therapie weiterleben sollte. Für einen Augenblick wollte ich zurücklaufen, zurück auf die Station, zurück in mein Zimmer, zurück in die "Sicherheit" der Medizin.
Gab es denn überhaupt noch dieses "frühere" Leben? War es auch gut und gesund gewesen? Immerhin hatte ich Krebs bekommen! Was sollte ich zukünftig ändern, was könnte ich besser machen? Was könnte ich selbst tun, um einen Rückfall zu vermeiden? Welche Vorsichtsmaßnahmen wären zu treffen? Diese Fragen schlichen wie ungeduldige und recht unbequeme Bewohner schon seit einigen Wochen in meinen Gedanken umher. Sie verlangten zügige Antworten, die es nicht gab, und so setzten sie mir immer dringlicher zu. Entsprangen sie der Ungeduld meines Herzens, und waren sie es, die mir jetzt gerade das Gefühl der Freude raubten? Ich wusste, dass noch ein langer, steiniger Weg vor mir liegen würde, bis ich in meinem Leben wieder das Gefühl der Geborgenheit gefunden haben würde.